Mittwoch, 1. Juni 2016

Von grellem Licht, und angeregten Stimmen werde ich wach. Draußen ist es noch dunkel, die Stadt schläft. Dafür herrscht in unserem Haus großes Gewusel wie jeden Morgen um vier. Meine Brüder, die neben mir im Bett liegen stupse ich an. Unser jüngstes Geschwisterchen stampft mit seinen anderthalb Jahren schon fröhlich durch die Wohnung und brabbelt vor sich hin.
Langsam stehe ich auf, ziehe mir über mein Sweatshirt einen dicken Wollpulli, mir ist immer noch kalt. Es gibt nicht viele kalte Tage in Paraguay und der Winter bringt immer sehr viel Sonne mit sich. Die letzten Wochen jedoch mussten wir alle in Winterjacken schlafen, da der Wind durch jede undichte Lücke des Hauses pfeift.
Meine Mama ist damit beschäftigt die Kleinsten anzuziehen, die Wäsche auf zu hängen und meine Cousins aus dem Bett zu scheuchen. Früher war dafür mein Papa zu ständig, seit einiger Zeit muss er jedoch in der Nacht als Wächter in der Stadt arbeiten. Meine Oma bereitet wie jeden Morgen den Mate vor und sorgt dafür das alle an ihre Schultaschen denken.
Um halb 5 sitzen meinen fünf Geschwister, meine zwei Cousins, meine Oma, meine Mama und ich im Bus. Von unserem Haus in Capiatá bis zum Mercado de Abasto, dem Großmarkt Asuncions dauert es knapp 2 Stunden. Meiner Oma und meiner Mama mit Thiago* auf dem Arm werden Plätze freigemacht, wir müssen stehen.
Am Abasto endlich angekommen, fangen wir an uns für die Arbeit vorzubereiten. Wir Kinder machen uns auf den Weg, um nach Obstkisten zu suchen, die wir als Hocker nutzen können. Der Wind pfeift uns ins Gesicht, es sind weniger Menschen auf dem Markt als üblich. In den Ecken sehe ich noch schlafende Männer und Frauen auf plattgedrückten Pappkartons liegend. Ein Rudel Straßenhunde tappst mir entgegen und die Lastwagen brettern an mir vorbei.
Ich sehe Papa wie er mir mit einer riesigen Karre beladen mit Kisten voller Mais entgegen läuft.
Nach seiner Nachtschicht fährt er jeden Tag zum Markt um uns den Mais zu bringen. Danach legt er sich an einem ruhigeren Ort für eine Weile schlafen, um uns Mittags beim Verkauf zu helfen.
Heute sind meine Schwester Camila,* mein Bruder Franco* und ich an der Reihe mit Mama den Mais vorzubereiten.
Wir schneiden zu aller erst die Maiskörner von den Maiskolben ab. Jeder von uns besitzt ein eigenes Messer. Meins ist noch sehr neu. Vor einem Monat habe ich es zu meinem 8. Geburtstag bekommen, jetzt darf ich auch schon beim Vorbereiten mithelfen. Ist der große grüne Plastikbehälter gefüllt mit Mais, fangen wir an die Körner in die Hand zu nehmen und langsam wieder zurück rieseln zu lassen. Der Staub und Dreck wirbelt in der Luft herum und setzt sich auf unsere Kleidung nieder. Ist der Mais sauber, fangen wir an unsere Tüten zu befüllen.
Mein ältester Bruder, der in der Zeit Mica* und Daniel*, meine kleineren Geschwister, zur Schule gebracht hat. Kann nun anfangen den Mais zu verkaufen. Er läuft mit unseren anderen Freunden und Mitarbeitern zwischen den wartenden Autos an der Ampel auf und ab.

Mit Camila*, Franco* und dem kleinen Thiago* auf dem Arm überqueren wir zwei große Straßen, wir haben schon wieder vergessen links und rechts zu schauen. Zum Glück war Mama außer Sehweite.
An einem kleinen blauen Haus angekommen, bekommen wir erst einmal böse Blicke der nebenstehenden Polizisten zu geworfen. Das Polizeirevier liegt direkt neben dem Lokal der Callescuela. Ein Ort zu dem ich an Regentagen flüchte, an heißen Tagen eine kleine Arbeitspause unter dem Ventilator einlege, jeden Tag frühstücke und zu Mittag esse.
Der warme Cocido wärmt meine kalten Hände und das kleine Brot in meiner Hand ist schneller weg als ich gucken kann. Kaum wurde gefrühstückt, holt ein kleines Mädchen, mit zotteligen Haaren „Petei“ heraus. Ein Kartenspiel bei dem es immer heiß her geht, kaum knalle ich bei der Nummer 8 meine Hand auf den Holztisch, liegen 5 weitere Kinderhände auf meiner drauf.
Mit meinen Schummeltricks komme ich eigentlich immer weit im Spiel. Die nächste Partie spielt jedoch Mia mit, eine Freiwillige der Callescuela. Meine Schummeleien hat sie seit langem durchschaut, ich muss mir dringend etwas anderes ausdenken.
Mein großer Bruder holt mich nach einiger Zeit wieder ab und erinnert mich, dass ich beim Verkauf mithelfen muss. Heute ist Freitag, Freitags verkaufen wir neben Mais auch noch Äpfel.
Gut gerüstet mit fünf Tüten Äpfeln mache ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle.
Sobald mir ein Bus entgegen kommt, springe ich auf, klettere über die Schranke und rufe so laut ich kann: „Manzana, Manzana, Cinco Mil por Manzanas! Seis Manzanas por Cinco Mil“ - „Äpfel, Äpfel 5000 Guarani (90 Cent) für eine Tüte Äpfel“
Im ersten Bus habe ich kein Glück, keine einzige Tüte verkaufe ich. Im selben Moment gibt der Busfahrer Gas, ich beeile mich um schnell heraus springen zu können.
Erst im Vierten Bus, kauft eine ältere Frau meine Äpfel. Nach ein paar Stunden habe ich drei Tüten verkauft. Ich habe mir eine Pause verdient. Seit neustem haben wir Kinder einen kleinen Roller auf dem wir immer abwechselnd fahren dürfen. Bis ich allerdings dran bin kann es dauern. „Geh mit Camila und Franco zur Hausaufgabenbetreuung, die Professora ist heute da!“, ruft mir Mama zu.
Im Lokal sitzen bereits ein Menge Kinder an ihren Heften und lernen.
Zusammen mit Mia bemale und beschrifte ich ein großes Plakat, was ich für den Biounterricht vorbereiten sollte. Danach übe ich mit ihr noch für ein Diktat, was immer ein wenig witzig für mich ist. Sie spricht manche Wörter ulkig aus.
Danach dusche ich mich schnell im Bad des Lokals und ziehe meine Schuluniform an. Papa legt immer großen wert darauf, dass ich in der Schule gepflegt aussehe. Bearbeite ich nämlich tagsüber mit meiner Mama den Mais, verfliegt weder der Maisgeruch noch bekomme ich alle Körner aus meinen Haaren gefischt.
Als ich mich auf den Weg zur Schule mache, treffe ich auf Schulfreunde, die schon in der Früh Unterricht hatten. Ich habe immer Mittags Schule, so dass ich Morgens arbeiten und lernen kann.
Um halb Fünf kehre ich wieder zum Markt zurück.
Nach einigen verkauften Tüten Äpfeln sowie Mais und Fangen spielen zwischen den Verkaufsständen, machen wir uns um halb Acht auf den Weg nach Hause. Am Nachmittag verkaufte
ich übrigens glücklicherweise viel mehr Äpfel als am Morgen. Es ist so viel los auf den Straßen, sodass wir erst um Zehn zu Hause ankommen.
Nach einem Abendessen und gemeinsamen Mate trinken in der Küche mit der ganzen Familie, gehe ich ins Bett. Mir bleiben noch viereinhalb Stunden Schlaf, bis es wieder losgeht.
Vor dem Einschlafen denke ich an einen Mann, der uns letztens während des Arbeitens interviewt hatte. Er kam aus einem Land von ganz weit her. Der Mann fragte mich, ob ich es nicht besser fände, nicht zu arbeiten. Diese Frage fand ich ganz seltsam. Wenn ich nicht arbeite, haben wir weniger Geld und das bedeutet, dass meine Mama sich noch mehr Sorgen macht. Sie sagt immer, wir arbeiten, um irgendwann etwas anderes machen zu können. Wie beispielsweise viele Sozialarbeiter aus unserem Lokal der Callescuela. Sie arbeiteten früher ebenfalls auf dem Markt und ergriffen die Chance, studieren zu können oder eine Ausbildung zu machen.

Das Geld, das meine Geschwister und ich verdienen, trägt dazu bei, dass meine Mama für uns alle Schulbücher kaufen kann, dass wir Schuluniformen haben und dass wir täglich genug zu Essen bekommen. Diese Dinge liegen für mich klar auf der Hand, das hätte sich der Mann auch selbst erklären können, denke ich und schlafe ein.

*Die  Namen der Kinder sind fiktiv.

Sonntag, 7. Februar 2016

Mein erster Rundbrief

Rundbrief Mia vom Bruch Asunción, November 2015
Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Unterstützer, hallo Du!

Es ist Zeit geworden für meinen ersten Rundbrief, also los geht es!

Total überfordert, in Wintersachen und ein wenig aufgeregt standen wir vor 3 Monaten am Terminal in Asunción. Sergio, der Leiter des Projektes am Busbahnhof und die Jungs aus dem Projekt haben uns sofort abgefangen und herzlichst begrüßt.
Die Zeit ist wirklich gerannt, die Eingewöhnungsphase ist vorbei und mir scheint es als würde mein Jahr jetzt erst richtig anfangen. In den ersten Monaten habe ich so viel erlebt, da fällt es mir sehr schwer meine Eindrücke für den Rundbrief zu filtern, um mich auf ein bestimmtes Thema zu konzentrieren. Deshalb werde ich mich in meinem ersten Brief an Euch erst einmal auf mein Projekt CALLESCUELA und meine Arbeit beziehen.

Mit meinen drei Mitfreiwilligen Doro, Elisa und Nina wohnen wir zusammen in einem Studentenwohnheim in der Nähe des Zentrums. Momentan teile ich mir mit Doro ein kleines Zimmer, dass wir versucht haben so gemütlich wie möglich ein zu richten. Obstkisten als Regale, alte Einmachgläser für unsere Gewürze, Schals als Girlande, Glasflaschen als Kerzenständer und bunte Tücher an den Wänden. Solange es aufgeräumt ist und niemand sich bewegt, passen hier sogar drei Menschen hinein.

Aber jetzt erst einmal zu unserem Projekt:
Callescuela (dt.„Straßenschule“) ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich zur Zeit der Stroessner-Diktatur in den 1980er Jahren in Paraguay, dafür einsetzte Menschenrechtsverletzungen anzuzeigen.
Der Schwerpunkt ist wie heute noch die Arbeit mit Kindern. Die Callescuela konzentriert sich nun im besonderen auf die Sozialarbeit in Armenvierteln, Bildungsmaßnahmen sowie die nationale und internationale Öffentlichkeitsarbeit. Die Organisation setzt sich für eine menschenwürdige Behandlung und faire Arbeitsverhältnisse der arbeitenden Kinder ein.
Callescuela hat viele verschiedene Lokale in Asunción und in Ciudad del Este. Vier Projekte sind in sogenannten Communidades, also Wohnsiedlungen, und zwei Projekte sind im öffentlichen Raum. Die Projekte im öffentlichen Raum befinden sich am Busbahnhof Asuncións und auf dem großen Markt Mercado de Abasto.

Die Communidad „9 de Marzo“ und Mercado de Abasto sind meine Arbeitsorte, von denen ich euch genaueres erzähle, also spitzt eure Ohren:

Dienstags, Freitags und Samstags arbeite ich auf dem Mercado de Abasto. Mittwochs und Donnerstags in 9 de Marzo.
Auf dem Mercado ist Dienstags den ganzen Tag Refuerzo, also Hausaufgabenbetreuung. Dort helfe ich immer so viel ich kann. Zu Mathe- und Castellanoaufgaben kann ich meist noch meinen Senf hinzugeben. Sobald es aber darum geht, ein Guaraní-Dikat zu korrigieren, übernimmt das Rita. Guaraní ist die zweite Landessprache in Paraguay. Rita ist bei der Hausaufgabenbetreuung auch immer mit dabei, sie überrascht mich mit ihrem sehr eigenen Humor jeden Tag auf's Neue.
Freitags ist den ganzen Tag kein Refuerzo, was bedeutet, dass jeder Freitag anders aussieht. Mal kommen die Kinder nur zum Essen, da viele Eltern fordern, dass ihre Kinder wieder schnell zum Arbeiten zurück kommen. Dann gibt es aber auch wieder Freitage an denen sich so viele Kinder und Jugendliche im Projekt befinden, dass ich gar nicht hinter komme mir alle Namen zu merken.
Samstag morgens ist ebenfalls Refuerzo, danach stehen verschiedene Treffen an: Die Coco-, die Radio- und die Adolescentes-Gruppe finden sich jede Woche zusammen.
Gladys, eine junge Studentin, die ebenfalls in der Callescuela arbeitet, hat mit den Jüngsten die Cocos-Gruppe gegründet. Obwohl Gladys nur 2 Jahre älter ist als ich, habe ich das Gefühl, dass sie mir um einiges an Erfahrungen voraus ist. Sie hat selbst als Kind am Abasto gearbeitet und hat eine sehr bewundernswerte Art mit den Menschen aus dem Projekt um zugehen. In der Cocosgruppe beginnt die Reunión immer mit kleinen Spielen, danach werden Dinge besprochen wie der Umgang untereinander verbessert werden kann oder wie der nächste Banner für die Demo aussehen soll. Die Rechte der Kinder und deren Notwendigkeit stehen bei jedem Treffen im Vordergrund.

Die Radiogruppe entwirft ein neues Programm für die nächste Sendung. Auf dem Mercado befindet sich nämlich eine Radiostation und jede Woche interviewt die Gruppe eine Person rund um die Themen Arbeit, Rechte und Bildung.
In der Adolescentes-Gruppe kann ich mich immer besser mit den älteren Jungs unterhalten. Wir reden über ihren Tag und über ihre Probleme. Ein Junge hat mir direkt am Anfang erklärt, wie so sein Tag abläuft. Was für mich wichtig anfangs war, um Situationen besser abschätzen zu können. Er steht jeden Morgen um 4 Uhr morgens auf, um sich auf den Weg zum Abasto zu machen. Manchmal sitzt er wegen des Staus 3 Stunden im Bus. Am Abasto angekommen, beginnt er Obst oder Gemüse zu verkaufen. Auf der Straße läuft er zwischen den Autos her und verkauft den Fahrern seine Ware. Fährt ein Bus vorbei, springt er schnell auf um den Menschen dort das Obst anzubieten. Entweder macht er zwischendurch eine Pause im Lokal der Callescuela am Abasto oder er muss entweder morgens oder nachmittags zur Schule. Danach arbeitet er weiter und setzt sich gleichzeitig stark in der Callescuela ein. Er ist bei jeder Aktion und Demo dabei.

In dem Straßenviertel, in 9 de Marzo ist Mittwochs immer CEPI. Das ist eine Art Vorschule für Kinder von ungefähr zwei bis vier Jahren. Zusammen mit Bruno und den zwei älteren Mädchen, die auch in dem Viertel wohnen, ist es sehr entspannt zu arbeiten. Die drei haben einen sehr engen Draht zu den Kindern. Mit manchen Kindern ist es noch ein wenig schwer eine Beziehung auf zu bauen, da sie noch stark an meiner Vorgängerin hängen.
Die Kinder sehen mich aber auch nur ein Mal in der Woche und da kann ich vielleicht anderes auch noch nicht unbedingt erwarten.
Das CEPI sieht immer so aus, dass anfangs draußen gespielt wird. Irgendwann beginnt das Aufräumlied, was fast beliebter ist als das Spielen selbst. Jeder brüllt mit bis alles aufgeräumt ist. (Ich kenne den Text auch schon beinahe!) Im Stuhlkreis werden alle mit verschiedenen Liedern der Reihe nach begrüßt. Danach erklärt Bruno den Kindern, was heute gebastelt wird. Bisher waren es die Zahlen, die bunt beklebt wurden oder die Vokale.
Es ist schön zu bemerken, dass ich mich im Projekt von Tag zu Tag besser zu Recht finde und immer mehr die Abläufe erkenne.
Den Donnerstag kann ich wieder sehr frei gestalten, da nur noch nachmittags eine Reunión mit den Müttern aus der Umgebung ansteht. Letztens beispielsweise habe ich mit den Kindern angefangen zu malen, irgendwann fingen wir an uns die Füße und Beine zu bemalen, bis wir alle kunterbunt waren. Es war ziemlich schön, selbst etwas auf die Beine stellen zu können. Kleine Fußballturniere kommen auch immer super an, die Jungs ärgern sich nur tierisch, wenn sie gegen die Mädchen verlieren.
Dame zu spielen, ist hier auch der Hit. Bisher habe jedoch noch kein einziges Mal gewonnen...

Ich gerate hier nie in einen Alltagstrott, jede Woche sieht anders aus. Wir sind auf vielen Seminaren, Workshops und Demonstrationen dabei und können so das politische Geschehen immer besser nach vollziehen. Norma, die Leiterin der Callescuela, achtet sehr darauf, dass wir alles verstehen und den Themen folgen können. Norma traut uns meiner Meinung nach schon sehr viel zu. Letzte Woche beispielsweise haben wir vier eine Präsentation zum deutschen Schulsystem vorbereitet um diese in einer Universität vorzutragen. Nicht um das deutsche Schulsystem nach Paraguay zu bringen sondern als Grundlage für einen Vergleich mehrerer Bildungsprinzipien. Durch solche Veranstaltungen habe ich schon viele interessante Menschen kennen gelernt, wie beispielsweise Norma's großartigen Philosophen, der uns schöne aber auch kritische Denkanstöße mit auf den Weg gegeben hat.
Ich finde es super und auch wichtig, dass wir so sehr in die Themen und Hintergründe mit einbezogen werden.

Vor zwei Wochen saßen wir mit den Kindern und Jugendlichen aus den verschiedenen Projekten und den Mitarbeitern im Collectivo mit viel Gesang und Geschrei auf dem Weg zum nationalen CONNAT's Treffen. Alle zwei Jahre ist ein großes nationales Treffen der CONNAT's. CONNAT's (Coordinacion Ninos, Ninas Adolescentes Trabajadores) ist ein nationaler Zusammenschluss der Kinder und Jugendlichen, die arbeiten. Letztes Wochenende sind wir mit den Vertretern der einzelnen Gruppen aus den Projekten, im Collectivo nach Ytagua gefahren. Mit 100 Kindern und den Projektleitern haben wir dort auf einem großen grünen Gelände unser Wochenende verbracht. In Gruppen wurde die Bedeutung ihrer Arbeit und ihre Rechte intensiv behandelt.
Ebenfalls wurde sehr viel Guaraní gesprochen. Die Kinder aus manchen Projekten außerhalb von Asunción, sprechen nur sehr wenig Spanisch. Sobald es in eine emotionalere Richtung im Gespräch geht, wird schnell in die zweite Landessprache gewechselt.
Die Kinder waren drauf und dran uns Sätze und wichtige Wörter beizubringen. Als ich mich dann sogar auf Guaraní vorgestellen konnte vor der großen Gruppe, waren so manche baff.

Unsere Eingewöhnungsphase geht so langsam vorbei, letztens haben wir uns mit Norma und mit Puri, unserer Educadorin zusammen gesetzt um die nächsten Monate zu planen. Uns werden immer mehr Möglichkeiten geboten, um uns frei einzubringen und um eigene Aktionen auf die Beine stellen zu können.
Norma und Puri haben unseren eigenen Gedanken und Erfahrungen sehr aufmerksam zu gehört, worüber ich sehr dankbar bin. Ich fühle mich in der Callescuela sehr wohl, die Geduld und die Fürsorge aller Mitarbeiter gibt Rückhalt.

Die kurze Zeit hier hat meine kleine Welt auf den Kopf gestellt.
Jeden Morgen fahre ich mit dem Bus aus dem wohlhabenden Viertel raus, in dem sich das Studentenwohnheim befindet. Am Projekt angekommen sieht die Welt ganz anders aus. Dieser andauernde Wechsel verwirrt und macht nachdenklich. Ich denke über Dinge nach, die ich vorher vielleicht anders gesehen habe. Wie beispielsweise das Thema „Kinderarbeit“. In der Schule weiß ich schon seit der 5. Klasse, dass Kinderarbeit nicht gut ist und große Organisationen mit Slogans wie „Stoppt die Kinderarbeit“ unterstützen dieses Meinungsbild.
Jedoch ist nicht die Arbeit für die Kinder das Problem, sondern die oft ausbeuterischen Bedingungen, unter denen sie ausgeübt werden muss. Besonders auf dem CONNAT's Wochenende ist mir bewusst geworden, was für einen hohen Stellenwert die Arbeit für die Kinder hat. Arbeitsverbote sorgen nicht dafür, dass die Kinder aufhören zu arbeiten sondern, dass Sie dadurch in den illegalen Bereich gedrängt werden und ohne Rechte sind.
Zu Arbeiten bedeutet für viele Kinder und Jugendliche, die Familie zu unterstützen, den Schulbesuch oder ein Studium zu ermöglichen. In einem Gruppentreffen mit den älteren Jungs vom Abasto reden wir sehr viel über die Arbeit. Das wichtigste für die Jugendlichen ist meist, nicht das Gefühl haben zu müssen, nutzlos in der Familie zu sein, sondern ebenfalls etwas zum Finanziellen beitragen zu können.
Damit möchte ich nicht sagen, dass Kinderarbeit super ist. Aber es sollte nicht von dem eigentlichen Problem der Armut ablenken. Die Arbeit der Kinder zu verbieten sorgt nicht dafür, dass ein Problem aus der Welt geschaffen wird. So mit wird ein weiteres geschaffen.

Und gerade weil ich hier jeden Tag etwas Neues dazu lerne und mir viele Gedanken im Kopf herum schwirren, könnte ich noch von vielem mehr schreiben. Von der Natur, von Asunción, den Uniprotesten, der paraguayischen politischen Lage und, und, und.
Es gibt viel zu erzählen, aber das ist ja auch nicht mein letzter Rundbrief. Also macht Euch gefasst und wer neugierig ist auf mehr, kann auch auf meinem Blog vorbeischauen.

Liebe Grüße aus Paraguay

Mia