Von grellem Licht, und angeregten
Stimmen werde ich wach. Draußen ist es noch dunkel, die Stadt
schläft. Dafür herrscht in unserem Haus großes Gewusel wie jeden
Morgen um vier. Meine Brüder, die neben mir im Bett liegen stupse
ich an. Unser jüngstes Geschwisterchen stampft mit seinen anderthalb
Jahren schon fröhlich durch die Wohnung und brabbelt vor sich hin.
Langsam stehe ich auf, ziehe mir
über mein Sweatshirt einen dicken Wollpulli, mir ist immer noch
kalt. Es gibt nicht viele kalte Tage in Paraguay und der Winter
bringt immer sehr viel Sonne mit sich. Die letzten Wochen jedoch
mussten wir alle in Winterjacken schlafen, da der Wind durch jede
undichte Lücke des Hauses pfeift.
Meine Mama ist damit beschäftigt
die Kleinsten anzuziehen, die Wäsche auf zu hängen und meine
Cousins aus dem Bett zu scheuchen. Früher war dafür mein Papa zu
ständig, seit einiger Zeit muss er jedoch in der Nacht als Wächter
in der Stadt arbeiten. Meine Oma bereitet wie jeden Morgen den Mate
vor und sorgt dafür das alle an ihre Schultaschen denken.
Um halb 5 sitzen meinen fünf
Geschwister, meine zwei Cousins, meine Oma, meine Mama und ich im
Bus. Von unserem Haus in Capiatá bis zum Mercado de Abasto, dem
Großmarkt Asuncions dauert es knapp 2 Stunden. Meiner Oma und meiner
Mama mit Thiago* auf dem Arm werden Plätze freigemacht, wir müssen
stehen.
Am Abasto endlich angekommen, fangen
wir an uns für die Arbeit vorzubereiten. Wir Kinder machen uns auf
den Weg, um nach Obstkisten zu suchen, die wir als Hocker nutzen
können. Der Wind pfeift uns ins Gesicht, es sind weniger Menschen
auf dem Markt als üblich. In den Ecken sehe ich noch schlafende
Männer und Frauen auf plattgedrückten Pappkartons liegend. Ein
Rudel Straßenhunde tappst mir entgegen und die Lastwagen brettern an
mir vorbei.
Ich sehe Papa wie er mir mit einer
riesigen Karre beladen mit Kisten voller Mais entgegen läuft.
Nach seiner Nachtschicht fährt er
jeden Tag zum Markt um uns den Mais zu bringen. Danach legt er sich
an einem ruhigeren Ort für eine Weile schlafen, um uns Mittags beim
Verkauf zu helfen.
Heute sind meine Schwester Camila,*
mein Bruder Franco* und ich an der Reihe mit Mama den
Mais vorzubereiten.
Wir schneiden zu aller erst die
Maiskörner von den Maiskolben ab. Jeder von uns besitzt ein eigenes
Messer. Meins ist noch sehr neu. Vor einem Monat habe ich es zu
meinem 8. Geburtstag bekommen, jetzt darf ich auch schon beim
Vorbereiten mithelfen. Ist der große grüne Plastikbehälter gefüllt
mit Mais, fangen wir an die Körner in die Hand zu nehmen und langsam
wieder zurück rieseln zu lassen. Der Staub und Dreck wirbelt in der
Luft herum und setzt sich auf unsere Kleidung nieder. Ist der Mais
sauber, fangen wir an unsere Tüten zu befüllen.
Mein ältester Bruder, der in der
Zeit Mica* und Daniel*, meine kleineren Geschwister, zur Schule
gebracht hat. Kann nun anfangen den Mais zu verkaufen. Er läuft mit
unseren anderen Freunden und Mitarbeitern zwischen den wartenden
Autos an der Ampel auf und ab.
Mit Camila*, Franco* und dem kleinen
Thiago* auf dem Arm überqueren wir zwei große Straßen, wir haben
schon wieder vergessen links und rechts zu schauen. Zum Glück war
Mama außer Sehweite.
An einem kleinen blauen Haus
angekommen, bekommen wir erst einmal böse Blicke der nebenstehenden
Polizisten zu geworfen. Das Polizeirevier liegt direkt neben dem
Lokal der Callescuela. Ein Ort zu dem ich an Regentagen flüchte, an
heißen Tagen eine kleine Arbeitspause unter dem Ventilator einlege,
jeden Tag frühstücke und zu Mittag esse.
Der warme Cocido wärmt meine kalten
Hände und das kleine Brot in meiner Hand ist schneller weg als ich
gucken kann. Kaum wurde gefrühstückt, holt ein kleines Mädchen,
mit zotteligen Haaren „Petei“ heraus. Ein Kartenspiel bei dem es
immer heiß her geht, kaum knalle ich bei der Nummer 8 meine Hand auf
den Holztisch, liegen 5 weitere Kinderhände auf meiner drauf.
Mit meinen Schummeltricks komme ich
eigentlich immer weit im Spiel. Die nächste Partie spielt jedoch Mia
mit, eine Freiwillige der Callescuela. Meine Schummeleien hat sie
seit langem durchschaut, ich muss mir dringend etwas anderes
ausdenken.
Mein großer Bruder holt mich nach einiger Zeit wieder ab und erinnert mich, dass ich beim Verkauf mithelfen muss. Heute ist Freitag, Freitags verkaufen wir neben Mais auch noch Äpfel.
Gut gerüstet mit fünf Tüten Äpfeln mache ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle.
Mein großer Bruder holt mich nach einiger Zeit wieder ab und erinnert mich, dass ich beim Verkauf mithelfen muss. Heute ist Freitag, Freitags verkaufen wir neben Mais auch noch Äpfel.
Gut gerüstet mit fünf Tüten Äpfeln mache ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle.
Sobald mir ein Bus entgegen kommt,
springe ich auf, klettere über die Schranke und rufe so laut ich
kann: „Manzana, Manzana, Cinco Mil por Manzanas! Seis Manzanas por
Cinco Mil“ - „Äpfel, Äpfel 5000 Guarani (90 Cent) für eine
Tüte Äpfel“
Im ersten Bus habe ich kein Glück,
keine einzige Tüte verkaufe ich. Im selben Moment gibt der Busfahrer
Gas, ich beeile mich um schnell heraus springen zu können.
Erst im Vierten Bus, kauft eine
ältere Frau meine Äpfel. Nach ein paar Stunden habe ich drei Tüten
verkauft. Ich habe mir eine Pause verdient. Seit neustem haben wir
Kinder einen kleinen Roller auf dem wir immer abwechselnd fahren
dürfen. Bis ich allerdings dran bin kann es dauern. „Geh mit
Camila und Franco zur Hausaufgabenbetreuung, die Professora ist heute
da!“, ruft mir Mama zu.
Im Lokal sitzen bereits ein Menge
Kinder an ihren Heften und lernen.
Zusammen mit Mia bemale und
beschrifte ich ein großes Plakat, was ich für den Biounterricht
vorbereiten sollte. Danach übe ich mit ihr noch für ein Diktat, was
immer ein wenig witzig für mich ist. Sie spricht manche Wörter
ulkig aus.
Danach dusche ich mich schnell im
Bad des Lokals und ziehe meine Schuluniform an. Papa legt immer
großen wert darauf, dass ich in der Schule gepflegt aussehe.
Bearbeite ich nämlich tagsüber mit meiner Mama den Mais, verfliegt
weder der Maisgeruch noch bekomme ich alle Körner aus meinen Haaren
gefischt.
Als ich mich auf den Weg zur Schule
mache, treffe ich auf Schulfreunde, die schon in der Früh Unterricht
hatten. Ich habe immer Mittags Schule, so dass ich Morgens arbeiten
und lernen kann.
Um halb Fünf kehre ich wieder zum
Markt zurück.
Nach einigen verkauften Tüten
Äpfeln sowie Mais und Fangen spielen zwischen den Verkaufsständen,
machen wir uns um halb Acht auf den Weg nach Hause. Am Nachmittag
verkaufte
ich übrigens glücklicherweise viel mehr Äpfel als am
Morgen. Es ist so viel los auf den Straßen, sodass wir erst um Zehn
zu Hause ankommen.
Nach einem Abendessen und
gemeinsamen Mate trinken in der Küche mit der ganzen Familie, gehe
ich ins Bett. Mir bleiben noch viereinhalb Stunden Schlaf, bis es
wieder losgeht.
Vor dem Einschlafen denke ich an
einen Mann, der uns letztens während des Arbeitens interviewt hatte.
Er kam aus einem Land von ganz weit her. Der Mann fragte mich, ob ich
es nicht besser fände, nicht zu arbeiten. Diese Frage fand ich ganz
seltsam. Wenn ich nicht arbeite, haben wir weniger Geld und das
bedeutet, dass meine Mama sich noch mehr Sorgen macht. Sie sagt
immer, wir arbeiten, um irgendwann etwas anderes machen zu können.
Wie beispielsweise viele Sozialarbeiter aus unserem Lokal der
Callescuela. Sie arbeiteten früher ebenfalls auf dem Markt und
ergriffen die Chance, studieren zu können oder eine Ausbildung zu
machen.
Das Geld, das meine Geschwister und
ich verdienen, trägt dazu bei, dass meine Mama für uns alle
Schulbücher kaufen kann, dass wir Schuluniformen haben und dass wir
täglich genug zu Essen bekommen. Diese Dinge liegen für mich klar
auf der Hand, das hätte sich der Mann auch selbst erklären können,
denke ich und schlafe ein.
*Die Namen der Kinder sind fiktiv.
















