Mittwoch, 1. Juni 2016

Von grellem Licht, und angeregten Stimmen werde ich wach. Draußen ist es noch dunkel, die Stadt schläft. Dafür herrscht in unserem Haus großes Gewusel wie jeden Morgen um vier. Meine Brüder, die neben mir im Bett liegen stupse ich an. Unser jüngstes Geschwisterchen stampft mit seinen anderthalb Jahren schon fröhlich durch die Wohnung und brabbelt vor sich hin.
Langsam stehe ich auf, ziehe mir über mein Sweatshirt einen dicken Wollpulli, mir ist immer noch kalt. Es gibt nicht viele kalte Tage in Paraguay und der Winter bringt immer sehr viel Sonne mit sich. Die letzten Wochen jedoch mussten wir alle in Winterjacken schlafen, da der Wind durch jede undichte Lücke des Hauses pfeift.
Meine Mama ist damit beschäftigt die Kleinsten anzuziehen, die Wäsche auf zu hängen und meine Cousins aus dem Bett zu scheuchen. Früher war dafür mein Papa zu ständig, seit einiger Zeit muss er jedoch in der Nacht als Wächter in der Stadt arbeiten. Meine Oma bereitet wie jeden Morgen den Mate vor und sorgt dafür das alle an ihre Schultaschen denken.
Um halb 5 sitzen meinen fünf Geschwister, meine zwei Cousins, meine Oma, meine Mama und ich im Bus. Von unserem Haus in Capiatá bis zum Mercado de Abasto, dem Großmarkt Asuncions dauert es knapp 2 Stunden. Meiner Oma und meiner Mama mit Thiago* auf dem Arm werden Plätze freigemacht, wir müssen stehen.
Am Abasto endlich angekommen, fangen wir an uns für die Arbeit vorzubereiten. Wir Kinder machen uns auf den Weg, um nach Obstkisten zu suchen, die wir als Hocker nutzen können. Der Wind pfeift uns ins Gesicht, es sind weniger Menschen auf dem Markt als üblich. In den Ecken sehe ich noch schlafende Männer und Frauen auf plattgedrückten Pappkartons liegend. Ein Rudel Straßenhunde tappst mir entgegen und die Lastwagen brettern an mir vorbei.
Ich sehe Papa wie er mir mit einer riesigen Karre beladen mit Kisten voller Mais entgegen läuft.
Nach seiner Nachtschicht fährt er jeden Tag zum Markt um uns den Mais zu bringen. Danach legt er sich an einem ruhigeren Ort für eine Weile schlafen, um uns Mittags beim Verkauf zu helfen.
Heute sind meine Schwester Camila,* mein Bruder Franco* und ich an der Reihe mit Mama den Mais vorzubereiten.
Wir schneiden zu aller erst die Maiskörner von den Maiskolben ab. Jeder von uns besitzt ein eigenes Messer. Meins ist noch sehr neu. Vor einem Monat habe ich es zu meinem 8. Geburtstag bekommen, jetzt darf ich auch schon beim Vorbereiten mithelfen. Ist der große grüne Plastikbehälter gefüllt mit Mais, fangen wir an die Körner in die Hand zu nehmen und langsam wieder zurück rieseln zu lassen. Der Staub und Dreck wirbelt in der Luft herum und setzt sich auf unsere Kleidung nieder. Ist der Mais sauber, fangen wir an unsere Tüten zu befüllen.
Mein ältester Bruder, der in der Zeit Mica* und Daniel*, meine kleineren Geschwister, zur Schule gebracht hat. Kann nun anfangen den Mais zu verkaufen. Er läuft mit unseren anderen Freunden und Mitarbeitern zwischen den wartenden Autos an der Ampel auf und ab.

Mit Camila*, Franco* und dem kleinen Thiago* auf dem Arm überqueren wir zwei große Straßen, wir haben schon wieder vergessen links und rechts zu schauen. Zum Glück war Mama außer Sehweite.
An einem kleinen blauen Haus angekommen, bekommen wir erst einmal böse Blicke der nebenstehenden Polizisten zu geworfen. Das Polizeirevier liegt direkt neben dem Lokal der Callescuela. Ein Ort zu dem ich an Regentagen flüchte, an heißen Tagen eine kleine Arbeitspause unter dem Ventilator einlege, jeden Tag frühstücke und zu Mittag esse.
Der warme Cocido wärmt meine kalten Hände und das kleine Brot in meiner Hand ist schneller weg als ich gucken kann. Kaum wurde gefrühstückt, holt ein kleines Mädchen, mit zotteligen Haaren „Petei“ heraus. Ein Kartenspiel bei dem es immer heiß her geht, kaum knalle ich bei der Nummer 8 meine Hand auf den Holztisch, liegen 5 weitere Kinderhände auf meiner drauf.
Mit meinen Schummeltricks komme ich eigentlich immer weit im Spiel. Die nächste Partie spielt jedoch Mia mit, eine Freiwillige der Callescuela. Meine Schummeleien hat sie seit langem durchschaut, ich muss mir dringend etwas anderes ausdenken.
Mein großer Bruder holt mich nach einiger Zeit wieder ab und erinnert mich, dass ich beim Verkauf mithelfen muss. Heute ist Freitag, Freitags verkaufen wir neben Mais auch noch Äpfel.
Gut gerüstet mit fünf Tüten Äpfeln mache ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle.
Sobald mir ein Bus entgegen kommt, springe ich auf, klettere über die Schranke und rufe so laut ich kann: „Manzana, Manzana, Cinco Mil por Manzanas! Seis Manzanas por Cinco Mil“ - „Äpfel, Äpfel 5000 Guarani (90 Cent) für eine Tüte Äpfel“
Im ersten Bus habe ich kein Glück, keine einzige Tüte verkaufe ich. Im selben Moment gibt der Busfahrer Gas, ich beeile mich um schnell heraus springen zu können.
Erst im Vierten Bus, kauft eine ältere Frau meine Äpfel. Nach ein paar Stunden habe ich drei Tüten verkauft. Ich habe mir eine Pause verdient. Seit neustem haben wir Kinder einen kleinen Roller auf dem wir immer abwechselnd fahren dürfen. Bis ich allerdings dran bin kann es dauern. „Geh mit Camila und Franco zur Hausaufgabenbetreuung, die Professora ist heute da!“, ruft mir Mama zu.
Im Lokal sitzen bereits ein Menge Kinder an ihren Heften und lernen.
Zusammen mit Mia bemale und beschrifte ich ein großes Plakat, was ich für den Biounterricht vorbereiten sollte. Danach übe ich mit ihr noch für ein Diktat, was immer ein wenig witzig für mich ist. Sie spricht manche Wörter ulkig aus.
Danach dusche ich mich schnell im Bad des Lokals und ziehe meine Schuluniform an. Papa legt immer großen wert darauf, dass ich in der Schule gepflegt aussehe. Bearbeite ich nämlich tagsüber mit meiner Mama den Mais, verfliegt weder der Maisgeruch noch bekomme ich alle Körner aus meinen Haaren gefischt.
Als ich mich auf den Weg zur Schule mache, treffe ich auf Schulfreunde, die schon in der Früh Unterricht hatten. Ich habe immer Mittags Schule, so dass ich Morgens arbeiten und lernen kann.
Um halb Fünf kehre ich wieder zum Markt zurück.
Nach einigen verkauften Tüten Äpfeln sowie Mais und Fangen spielen zwischen den Verkaufsständen, machen wir uns um halb Acht auf den Weg nach Hause. Am Nachmittag verkaufte
ich übrigens glücklicherweise viel mehr Äpfel als am Morgen. Es ist so viel los auf den Straßen, sodass wir erst um Zehn zu Hause ankommen.
Nach einem Abendessen und gemeinsamen Mate trinken in der Küche mit der ganzen Familie, gehe ich ins Bett. Mir bleiben noch viereinhalb Stunden Schlaf, bis es wieder losgeht.
Vor dem Einschlafen denke ich an einen Mann, der uns letztens während des Arbeitens interviewt hatte. Er kam aus einem Land von ganz weit her. Der Mann fragte mich, ob ich es nicht besser fände, nicht zu arbeiten. Diese Frage fand ich ganz seltsam. Wenn ich nicht arbeite, haben wir weniger Geld und das bedeutet, dass meine Mama sich noch mehr Sorgen macht. Sie sagt immer, wir arbeiten, um irgendwann etwas anderes machen zu können. Wie beispielsweise viele Sozialarbeiter aus unserem Lokal der Callescuela. Sie arbeiteten früher ebenfalls auf dem Markt und ergriffen die Chance, studieren zu können oder eine Ausbildung zu machen.

Das Geld, das meine Geschwister und ich verdienen, trägt dazu bei, dass meine Mama für uns alle Schulbücher kaufen kann, dass wir Schuluniformen haben und dass wir täglich genug zu Essen bekommen. Diese Dinge liegen für mich klar auf der Hand, das hätte sich der Mann auch selbst erklären können, denke ich und schlafe ein.

*Die  Namen der Kinder sind fiktiv.

Sonntag, 7. Februar 2016

Mein erster Rundbrief

Rundbrief Mia vom Bruch Asunción, November 2015
Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Unterstützer, hallo Du!

Es ist Zeit geworden für meinen ersten Rundbrief, also los geht es!

Total überfordert, in Wintersachen und ein wenig aufgeregt standen wir vor 3 Monaten am Terminal in Asunción. Sergio, der Leiter des Projektes am Busbahnhof und die Jungs aus dem Projekt haben uns sofort abgefangen und herzlichst begrüßt.
Die Zeit ist wirklich gerannt, die Eingewöhnungsphase ist vorbei und mir scheint es als würde mein Jahr jetzt erst richtig anfangen. In den ersten Monaten habe ich so viel erlebt, da fällt es mir sehr schwer meine Eindrücke für den Rundbrief zu filtern, um mich auf ein bestimmtes Thema zu konzentrieren. Deshalb werde ich mich in meinem ersten Brief an Euch erst einmal auf mein Projekt CALLESCUELA und meine Arbeit beziehen.

Mit meinen drei Mitfreiwilligen Doro, Elisa und Nina wohnen wir zusammen in einem Studentenwohnheim in der Nähe des Zentrums. Momentan teile ich mir mit Doro ein kleines Zimmer, dass wir versucht haben so gemütlich wie möglich ein zu richten. Obstkisten als Regale, alte Einmachgläser für unsere Gewürze, Schals als Girlande, Glasflaschen als Kerzenständer und bunte Tücher an den Wänden. Solange es aufgeräumt ist und niemand sich bewegt, passen hier sogar drei Menschen hinein.

Aber jetzt erst einmal zu unserem Projekt:
Callescuela (dt.„Straßenschule“) ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich zur Zeit der Stroessner-Diktatur in den 1980er Jahren in Paraguay, dafür einsetzte Menschenrechtsverletzungen anzuzeigen.
Der Schwerpunkt ist wie heute noch die Arbeit mit Kindern. Die Callescuela konzentriert sich nun im besonderen auf die Sozialarbeit in Armenvierteln, Bildungsmaßnahmen sowie die nationale und internationale Öffentlichkeitsarbeit. Die Organisation setzt sich für eine menschenwürdige Behandlung und faire Arbeitsverhältnisse der arbeitenden Kinder ein.
Callescuela hat viele verschiedene Lokale in Asunción und in Ciudad del Este. Vier Projekte sind in sogenannten Communidades, also Wohnsiedlungen, und zwei Projekte sind im öffentlichen Raum. Die Projekte im öffentlichen Raum befinden sich am Busbahnhof Asuncións und auf dem großen Markt Mercado de Abasto.

Die Communidad „9 de Marzo“ und Mercado de Abasto sind meine Arbeitsorte, von denen ich euch genaueres erzähle, also spitzt eure Ohren:

Dienstags, Freitags und Samstags arbeite ich auf dem Mercado de Abasto. Mittwochs und Donnerstags in 9 de Marzo.
Auf dem Mercado ist Dienstags den ganzen Tag Refuerzo, also Hausaufgabenbetreuung. Dort helfe ich immer so viel ich kann. Zu Mathe- und Castellanoaufgaben kann ich meist noch meinen Senf hinzugeben. Sobald es aber darum geht, ein Guaraní-Dikat zu korrigieren, übernimmt das Rita. Guaraní ist die zweite Landessprache in Paraguay. Rita ist bei der Hausaufgabenbetreuung auch immer mit dabei, sie überrascht mich mit ihrem sehr eigenen Humor jeden Tag auf's Neue.
Freitags ist den ganzen Tag kein Refuerzo, was bedeutet, dass jeder Freitag anders aussieht. Mal kommen die Kinder nur zum Essen, da viele Eltern fordern, dass ihre Kinder wieder schnell zum Arbeiten zurück kommen. Dann gibt es aber auch wieder Freitage an denen sich so viele Kinder und Jugendliche im Projekt befinden, dass ich gar nicht hinter komme mir alle Namen zu merken.
Samstag morgens ist ebenfalls Refuerzo, danach stehen verschiedene Treffen an: Die Coco-, die Radio- und die Adolescentes-Gruppe finden sich jede Woche zusammen.
Gladys, eine junge Studentin, die ebenfalls in der Callescuela arbeitet, hat mit den Jüngsten die Cocos-Gruppe gegründet. Obwohl Gladys nur 2 Jahre älter ist als ich, habe ich das Gefühl, dass sie mir um einiges an Erfahrungen voraus ist. Sie hat selbst als Kind am Abasto gearbeitet und hat eine sehr bewundernswerte Art mit den Menschen aus dem Projekt um zugehen. In der Cocosgruppe beginnt die Reunión immer mit kleinen Spielen, danach werden Dinge besprochen wie der Umgang untereinander verbessert werden kann oder wie der nächste Banner für die Demo aussehen soll. Die Rechte der Kinder und deren Notwendigkeit stehen bei jedem Treffen im Vordergrund.

Die Radiogruppe entwirft ein neues Programm für die nächste Sendung. Auf dem Mercado befindet sich nämlich eine Radiostation und jede Woche interviewt die Gruppe eine Person rund um die Themen Arbeit, Rechte und Bildung.
In der Adolescentes-Gruppe kann ich mich immer besser mit den älteren Jungs unterhalten. Wir reden über ihren Tag und über ihre Probleme. Ein Junge hat mir direkt am Anfang erklärt, wie so sein Tag abläuft. Was für mich wichtig anfangs war, um Situationen besser abschätzen zu können. Er steht jeden Morgen um 4 Uhr morgens auf, um sich auf den Weg zum Abasto zu machen. Manchmal sitzt er wegen des Staus 3 Stunden im Bus. Am Abasto angekommen, beginnt er Obst oder Gemüse zu verkaufen. Auf der Straße läuft er zwischen den Autos her und verkauft den Fahrern seine Ware. Fährt ein Bus vorbei, springt er schnell auf um den Menschen dort das Obst anzubieten. Entweder macht er zwischendurch eine Pause im Lokal der Callescuela am Abasto oder er muss entweder morgens oder nachmittags zur Schule. Danach arbeitet er weiter und setzt sich gleichzeitig stark in der Callescuela ein. Er ist bei jeder Aktion und Demo dabei.

In dem Straßenviertel, in 9 de Marzo ist Mittwochs immer CEPI. Das ist eine Art Vorschule für Kinder von ungefähr zwei bis vier Jahren. Zusammen mit Bruno und den zwei älteren Mädchen, die auch in dem Viertel wohnen, ist es sehr entspannt zu arbeiten. Die drei haben einen sehr engen Draht zu den Kindern. Mit manchen Kindern ist es noch ein wenig schwer eine Beziehung auf zu bauen, da sie noch stark an meiner Vorgängerin hängen.
Die Kinder sehen mich aber auch nur ein Mal in der Woche und da kann ich vielleicht anderes auch noch nicht unbedingt erwarten.
Das CEPI sieht immer so aus, dass anfangs draußen gespielt wird. Irgendwann beginnt das Aufräumlied, was fast beliebter ist als das Spielen selbst. Jeder brüllt mit bis alles aufgeräumt ist. (Ich kenne den Text auch schon beinahe!) Im Stuhlkreis werden alle mit verschiedenen Liedern der Reihe nach begrüßt. Danach erklärt Bruno den Kindern, was heute gebastelt wird. Bisher waren es die Zahlen, die bunt beklebt wurden oder die Vokale.
Es ist schön zu bemerken, dass ich mich im Projekt von Tag zu Tag besser zu Recht finde und immer mehr die Abläufe erkenne.
Den Donnerstag kann ich wieder sehr frei gestalten, da nur noch nachmittags eine Reunión mit den Müttern aus der Umgebung ansteht. Letztens beispielsweise habe ich mit den Kindern angefangen zu malen, irgendwann fingen wir an uns die Füße und Beine zu bemalen, bis wir alle kunterbunt waren. Es war ziemlich schön, selbst etwas auf die Beine stellen zu können. Kleine Fußballturniere kommen auch immer super an, die Jungs ärgern sich nur tierisch, wenn sie gegen die Mädchen verlieren.
Dame zu spielen, ist hier auch der Hit. Bisher habe jedoch noch kein einziges Mal gewonnen...

Ich gerate hier nie in einen Alltagstrott, jede Woche sieht anders aus. Wir sind auf vielen Seminaren, Workshops und Demonstrationen dabei und können so das politische Geschehen immer besser nach vollziehen. Norma, die Leiterin der Callescuela, achtet sehr darauf, dass wir alles verstehen und den Themen folgen können. Norma traut uns meiner Meinung nach schon sehr viel zu. Letzte Woche beispielsweise haben wir vier eine Präsentation zum deutschen Schulsystem vorbereitet um diese in einer Universität vorzutragen. Nicht um das deutsche Schulsystem nach Paraguay zu bringen sondern als Grundlage für einen Vergleich mehrerer Bildungsprinzipien. Durch solche Veranstaltungen habe ich schon viele interessante Menschen kennen gelernt, wie beispielsweise Norma's großartigen Philosophen, der uns schöne aber auch kritische Denkanstöße mit auf den Weg gegeben hat.
Ich finde es super und auch wichtig, dass wir so sehr in die Themen und Hintergründe mit einbezogen werden.

Vor zwei Wochen saßen wir mit den Kindern und Jugendlichen aus den verschiedenen Projekten und den Mitarbeitern im Collectivo mit viel Gesang und Geschrei auf dem Weg zum nationalen CONNAT's Treffen. Alle zwei Jahre ist ein großes nationales Treffen der CONNAT's. CONNAT's (Coordinacion Ninos, Ninas Adolescentes Trabajadores) ist ein nationaler Zusammenschluss der Kinder und Jugendlichen, die arbeiten. Letztes Wochenende sind wir mit den Vertretern der einzelnen Gruppen aus den Projekten, im Collectivo nach Ytagua gefahren. Mit 100 Kindern und den Projektleitern haben wir dort auf einem großen grünen Gelände unser Wochenende verbracht. In Gruppen wurde die Bedeutung ihrer Arbeit und ihre Rechte intensiv behandelt.
Ebenfalls wurde sehr viel Guaraní gesprochen. Die Kinder aus manchen Projekten außerhalb von Asunción, sprechen nur sehr wenig Spanisch. Sobald es in eine emotionalere Richtung im Gespräch geht, wird schnell in die zweite Landessprache gewechselt.
Die Kinder waren drauf und dran uns Sätze und wichtige Wörter beizubringen. Als ich mich dann sogar auf Guaraní vorgestellen konnte vor der großen Gruppe, waren so manche baff.

Unsere Eingewöhnungsphase geht so langsam vorbei, letztens haben wir uns mit Norma und mit Puri, unserer Educadorin zusammen gesetzt um die nächsten Monate zu planen. Uns werden immer mehr Möglichkeiten geboten, um uns frei einzubringen und um eigene Aktionen auf die Beine stellen zu können.
Norma und Puri haben unseren eigenen Gedanken und Erfahrungen sehr aufmerksam zu gehört, worüber ich sehr dankbar bin. Ich fühle mich in der Callescuela sehr wohl, die Geduld und die Fürsorge aller Mitarbeiter gibt Rückhalt.

Die kurze Zeit hier hat meine kleine Welt auf den Kopf gestellt.
Jeden Morgen fahre ich mit dem Bus aus dem wohlhabenden Viertel raus, in dem sich das Studentenwohnheim befindet. Am Projekt angekommen sieht die Welt ganz anders aus. Dieser andauernde Wechsel verwirrt und macht nachdenklich. Ich denke über Dinge nach, die ich vorher vielleicht anders gesehen habe. Wie beispielsweise das Thema „Kinderarbeit“. In der Schule weiß ich schon seit der 5. Klasse, dass Kinderarbeit nicht gut ist und große Organisationen mit Slogans wie „Stoppt die Kinderarbeit“ unterstützen dieses Meinungsbild.
Jedoch ist nicht die Arbeit für die Kinder das Problem, sondern die oft ausbeuterischen Bedingungen, unter denen sie ausgeübt werden muss. Besonders auf dem CONNAT's Wochenende ist mir bewusst geworden, was für einen hohen Stellenwert die Arbeit für die Kinder hat. Arbeitsverbote sorgen nicht dafür, dass die Kinder aufhören zu arbeiten sondern, dass Sie dadurch in den illegalen Bereich gedrängt werden und ohne Rechte sind.
Zu Arbeiten bedeutet für viele Kinder und Jugendliche, die Familie zu unterstützen, den Schulbesuch oder ein Studium zu ermöglichen. In einem Gruppentreffen mit den älteren Jungs vom Abasto reden wir sehr viel über die Arbeit. Das wichtigste für die Jugendlichen ist meist, nicht das Gefühl haben zu müssen, nutzlos in der Familie zu sein, sondern ebenfalls etwas zum Finanziellen beitragen zu können.
Damit möchte ich nicht sagen, dass Kinderarbeit super ist. Aber es sollte nicht von dem eigentlichen Problem der Armut ablenken. Die Arbeit der Kinder zu verbieten sorgt nicht dafür, dass ein Problem aus der Welt geschaffen wird. So mit wird ein weiteres geschaffen.

Und gerade weil ich hier jeden Tag etwas Neues dazu lerne und mir viele Gedanken im Kopf herum schwirren, könnte ich noch von vielem mehr schreiben. Von der Natur, von Asunción, den Uniprotesten, der paraguayischen politischen Lage und, und, und.
Es gibt viel zu erzählen, aber das ist ja auch nicht mein letzter Rundbrief. Also macht Euch gefasst und wer neugierig ist auf mehr, kann auch auf meinem Blog vorbeischauen.

Liebe Grüße aus Paraguay

Mia

Samstag, 19. Dezember 2015

Schmerzende Füße und Plastiktannenbäume

Pilgern nach Caacupé, Geburtstag im Sommer, drei gescheiterte Versuche einen Blogeintrag fertig zu bringen – es ist viel passiert im Dezember. Beim Plätzchen backen schwitzen und festellen, dass das Wichtigste hier, das Aufessen und nicht das Ausstechen ist, mit FlipFlops an bunten Weihnachtsbäumen aus Plastik entlanglaufen und mit Verwunderung bemerken, dass ja schon der 1. Advent ist. Alles in einem – et läuft!

Und nun macht Euch gefasst auf meinen Tag als Pilgerin!

Der 8. Dezember ist in Paraguay ein großer Feiertag. An diesem Tag findet in Caacupé, eine kleine Stadt in der Provinz Cordillera, das Fest der Madonna de los Milagros statt.
Millionen von Menschen pilgern dorthin um bei diesem Fest dabei zu sein. Also auch wir! Mit Freunden aus dem Orfa (so nennen wir alle unser Studentenwohnheim) haben wir uns Montag Nacht auf den Weg gemacht. Vom Terminal aus haben wir erstmals einen Bus genommen, der uns zur Pilgerroute bringen sollte. Am Terminal waren schon solche Menschenmassen, dass wir ewig anstanden. Da mehr Menschen als erwartet auf dem Weg nach Caacupé waren, ist der Bus eine Umleitung gefahren. So, dass wir nicht auf der offiziellen Pilgerroute ausgelassen wurden, sondern irgendwo im Nirgendwo. Unser eigentlicher Plan war es, mit weiteren Freunden zu laufen. Hat nicht so ganz geklappt...
Wir hatten weder eine Ahnung wo wir waren, noch waren die besagten Millionen von Menschen auf der Straße. Im Endeffekt bin ich jedoch ziemlich froh darüber. Wir konnten in alle Ruhe, tranquilo no mas, den Sternenhimmel mit abertausenden von Lichtern beobachten und mit offenen Mündern, staunend vor einem Meer aus Palmen stehen. Ich neige zur Romantisierung, aber es war wirklich wunderbar.

Die ganze Nacht sind wir gewandert ohne wirklich eine Pause zu machen. Die Terreréthermos wurden immer leichter und die Beine immer schwerer. Zwischen durch haben wir andere Pilger getroffen und waren beruhigt, dass wir noch auf dem richtigen Weg waren. Je näher wir Caacupé kamen, desto mehr Menschen, Autos, Busse und Essensstände wurden es. Man konnte beobachten wie die Bewohner alle schnell improvisierten, ihren Mate und Cocido rausholten, Chipas warm machten und den Grill anschmissen, um es an die Pilgerer zu verkaufen. Es kamen nämlich nicht nur wir aus einer anderen Richtung nach Caacupé.
Morgens um 6 Uhr kamen wir endlich in der Stadt an, auf den Straßen schliefen überall Menschen, während Menschenmassen an ihnen vorbei strömten, alle Richtung Kirche. Auf einer kleinen Wiese machten wir zum ersten Mal eine Pause und beobachteten aus sicherer Entfernung den Trubel. Es war unmöglich sich die Kirche von innen anzuschauen, geschweige denn, einen Gottesdienst mit zu bekommen. Danach war uns nach dem ganzen Gewandere aber auch nicht mehr zu Mute.

Als wir uns irgendwann auf den Rückweg machten, hatten wir uns das mit dem „Wir nehmen halt einfach einen Collectivo zurück“ einfacher vorgestellt. Ihr müsst euch eine riesig lange Straße vorstellen auf der Tausende von Menschen in eine Richtung strömen. An den Straßenseiten sitzen oder liegen Wanderer, die nicht mehr laufen können und auf der anderen Seite fahren überfüllte Busse an dir vorbei. Alle haben versucht den Bussen entgegen zu laufen, um noch in einen hinein zu passen. Wir also hinter her. Dagegen sind volle Rheinbahnen morgens um 7 Uhr nichts. Die Leute hingen aus den Bussen heraus und wiederum andere waren, mit dem Gesicht an die Scheibe gequetscht.
Es war auf jeden Fall ein kleines Abenteuer mit Mückenstichen, Sonnenbrand und Blasen an den Füßen. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass sich ganz Paraguay auf den Weg nach Caacupé gemacht hatte.
Das Wandern hat mir auch schon ein wenig Vorfreude auf das Reisen gemacht, denn bald geht es ja los!

Übrigens schreibe ich gerade, während draußen wie jeden Abend, ein super lautes Krötenkonzert statt findet. Das witzige ist, dass sich die kleinen Kröten wie Mario von Mario Kart anhören und „Huuuui“ kreischen. - das kurz nebenbei

Im Projekt läuft es auch immer besser. Dadurch, dass Doro und ich uns nun jeweils auf ein Projekt festgelegt haben, habe ich mich jetzt schon richtig auf „meinem“ Mercado eingelebt. Wenn ich morgens im Bus sitze Richtung Projekt, steigen ab und zu Kinder zu, um ihr Früchte zu verkaufen. Die anderen Leute gucken ganz schön blöd, wenn wir uns dann immer mit eigenst kreeirten Handschlägen begrüßen. Mit Gladys, einer Mitarbeiterin und Julio, dem Projektleiter besuchen wir regelmäßig Familien, die auf dem Abasto wohnen. Oft sind es nur ganz kleine Blechhütten mit Matratzen und einer kleinen Küche drin.
Da die großen Sommerferien für die Kinder hier begonnen haben, sind jeden Tag super viele Kinder im Projekt. Beim Essen, sind es meist bis zu 100 Kinder. Jedoch gibt es im Projekt seit geraumer Zeit finanzielle Probleme. Es gibt Tage, an denen das Essen nicht ein mal für die Hälfte der Kinder reicht. Kein schönes Gefühl, der Reihe nach gefühlten 50 Kindern zu vermitteln, dass das Essen schon wieder nicht ausgereicht hat.

Jetzt ist bald Weihnachten und ich mache mich bald auf, mit Rucksack und Zelt auf Reisen.
Da habe ich mich die ganze Zeit auf das Reisen gefreut und jetzt fällt es mir ein wenig schwer dem Projekt und Asunción für ein paar Wochen Tschüss sagen zu müssen. :)

Im Park Nu Guazu
Gewitter in Asunción
Im Park Nu Guazu
Im Projekt
Geburtstagsfrüchtetorte á la Elisa!
Wandern nach Caacupé
Auf dem Weg nach Caacupé
Endlich angekommen in Caacupé
Caacupé

Mittwoch, 11. November 2015

Hallo Du!
Ich habe eine kleine Bitte, es geht auch ganz schnell :)
Die Organisation, bei der ich gerade in Paraguay meinen Freiwilligendienst leiste, hat sich gerade bei PNP, einer luxemburgischen Organisation, um finanzielle Unterstützung beworben. Das Geld wird gerade dringend benötigt, damit wir hier vor Ort die Arbeit mit den Kindern fortsetzen können.
Um die Zuschüsse jedoch zu bekommen, brauchen wir noch ein paar Leute, die bereit sind online ihre Stimme für sie abzugeben. Und da kommt ihr ins Spiel.
Das Einzige, was ihr tun müsst, ist auf den unten stehenden Link klicken, "Je vote pour cette association” auswählen, die Datenschutzrichtlinien bestätigen, eure Email angeben und nachdem ihr auf "valider" gedrückt habt, mit dem schönen Satz "Je confirme mon vote”, den ihr in der Bestätigungsemail erhaltet, das Ganze abrunden. Klingt kompliziert, ist aber echt fix gemacht und ihr würdet wirklich weiterhelfen.

Vielen lieben Dank!
https://goo.gl/LKfXW0

Dienstag, 6. Oktober 2015

Bunte Bilder, Rechtschreibverbrechen und unzählige weitere spannende Sensationen

Während ich auf dem Weg zum Projekt neben einem kleinen Jungen sitze, der eine dicke Wollmütze trägt, halte ich meinen Kopf aus dem Collectivo, um die 40 Grad irgendwie ertragen zu können. Bei den Temperaturen läuft hier natürlich nicht jeder in so dicken Sachen herum. Am Mercado angekommen, laufe ich meist an den Verkäuferinnen und Verkäufern vorbei, die mich schon kennen, deren Kinder laufen mit mir zusammen in den Comedor.
Ach, ja genau. Das sollte ich vielleicht noch erzählen: Ich habe mich jetzt für das Projekt am Markt und im 9 de Marzo entschieden.
Dienstags, Freitags und Samstags arbeite ich auf dem Mercado de Abasto. Mittwochs und Donnerstags in der Communidad 9 de Marzo.
Auf dem Mercado ist Dienstags den ganzen Tag Refuerzo, also Hausaufgabenbetreuung. Dort helfe ich immer so viel ich kann. Zu Mathe- und Castellanoaufgaben kann ich meist noch schlaue Dinge beitragen. Sobald es aber darum geht, ein Guaraní-Dikat zu korrigieren, übernimmt das Rita. Rita ist bei der Hausaufgabenbetreuung auch immer mit dabei, sie überrascht mich mit ihrem sehr eigenen Humor jeden Tag auf's Neue. ;)
Freitags ist den ganzen Tag kein Refuerzo, was bedeutet, dass jeder Freitag anders aussieht. Mal kommen die Kinder nur zum Essen, da viele Eltern fordern, dass ihre Kinder wieder schnell zum Arbeiten zurück kommen. Dann gibt es aber auch wieder Freitage an denen sich so viele Kinder und Jugendliche im Projekt befinden, die ich vorher noch nie gesehen habe.
Samstag morgens ist ebenfalls Refuerzo, danach stehen verschiedene Reuniones an: Die Coco-, die Radio und die Adolescentes-Gruppen finden sich jede Woche zusammen.
Gladys, eine junge Studentin, die ebenfalls in der Callescuela arbeitet, hat mit den Jüngsten die Coco-Gruppe gegründet. Hier beginnt die Reunion immer mit kleinen Spielen, danach werden Dinge besprochen wie der Umgang untereinander verbessert werden kann oder wie der nächste Banner für die Demo aussehen soll.
Die Radiogruppe entwirft ein neues Programm für die nächste Sendung. Auf dem Mercado befindet sich nämlich eine Radiostation und jede Woche interviewt die Gruppe eine Person zu einem bestimmten Thema wie zum Beispiel zu den Studenten- und Schuldemonstrationen in Asunción.
In dem Straßenviertel, in 9 de Marzo ist Mittwochs immer CEPI. Das ist eine Art Vorschule für Kinder von ungefähr zwei bis vier Jahren. Zusammen mit Bruno und den zwei älteren Mädchen, die auch in dem Viertel wohnen, ist es sehr entspannt zu arbeiten. Die drei haben einen sehr engen Draht zu den Kindern. Mit manchen Kindern ist es noch ein wenig schwer eine Beziehung auf zu bauen, da sie noch stark an meiner Vorgängerin hängen.
Die Kinder sehen mich aber auch nur ein Mal in der Woche und da kann ich vielleicht anderes auch noch nicht unbedingt erwarten.
Das CEPI sieht immer so aus, dass anfangs draußen gespielt wird. Irgendwann beginnt das Aufräumlied, was fast beliebter ist als das Spielen selbst. Jeder brüllt mit bis alles aufgeräumt ist. (Ich kenne den Text auch schon beinahe) Im Stuhlkreis werden alle mit verschiedenen Liedern der Reihe nach begrüßt. Danach erklärt Bruno den Kindern, was heute gebastelt wird. Bisher waren es die Zahlen, die bunt beklebt wurden oder ähnliches. Letztens haben wir alle zusammen einen Obstsalat gemacht. Mit einer kleinen Stärkung und Spielen endet das CEPI dann.
Es ist schön zu bemerken, dass ich mich im Projekt von Tag zu Tag besser zu Recht finde und immer mehr die Abläufe erkenne.
Den Donnerstag kann ich wieder sehr frei gestalten, da nur noch nachmittags eine Reunion mit den Müttern aus der Umgebung ansteht. Letztens beispielsweise habe ich mit den Kindern angefangen zu malen, irgendwann fingen wir an uns die Füße und Beine zu bemalen, bis wir alle kunterbunt waren. Es war ziemlich cool, selbst etwas auf die Beine stellen zu können. Kleine Fußballturniere kommen auch immer super an, die Jungs ärgern sich nur immer tierisch, wenn sie gegen die Mädchen verlieren.
Dame zu spielen, ist hier auch der Hit. Bisher habe jedoch noch kein einziges Mal gewonnen...

In den letzten Wochen haben wir zusammen mit der Callescuela an vielen Seminaren und Workshops teilgenommen, beispielsweise über die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen oder über die aktuelle Situation der Kinderarbeit in Paraguay. Ich finde es super und auch wichtig, dass wir so sehr in die Themen und Hintergründe mit einbezogen werden.
Was es noch so zu erzählen gibt, ein wenig durcheinander aber es macht mir Spaß gerade ein wenig zu schreiben:
Zusammen mit einer Leiterin der Callescuela haben wir eine Familie besucht, weiter außerhalb von Asunción. Als wir gemütlich im Wohnzimmer saßen und unseren Cocido schlürften, kam immer wieder ein verbrannter Geruch in das Haus herein. Als wir dann irgendwann bemerkt hatten, dass der Duft von einer brennenden Palme kam, die ganz nah neben dem Häuschen stand, sind wir alle bewaffnet mit Wassereimern und Kochtöpfen raus. Es hat eine ganze Weile gedauert bis das Feuer gelöscht war, hätte auch ziemlich in die Hose gehen können, hätte sich die Flamme weiter auf das Dach ausgebreitet. War aber ein wenig komisch, wie wir alle hektisch rein und raus gerannt sind und zum Schluss noch jemand auf der nassen Erde ausgerutscht ist.

Ein Wochenende mit viel Musik, Halsschmerzen und guter Laune liegt nun hinter mir. Mit drei Freunden und Freiwilligen, die uns über das Wochenende besucht hatten, haben wir noch einmal ganz viele verschiedene Orte von Asunción entdecken können.
Ein Reggae-Konzert mit vielen interessanten Menschen, ein Viertel, dass von den Bewohnern kunstvoll zu einem kunterbunten Ort mit schönem Blick über die Stadt gestaltet wurde, eine Gruppe von Künstlern, die ganze Häuserreihen anmalen, wo ich selbst wieder gemerkt habe, dass ich mal wieder meine eigenen Pinsel und Farben heraus kramen könnte.
                                                        Doro und ihre neue Tereréthermo
                                                        




Einer meiner Lieblingsorte, erinnert michaber auch  manchmal an den Rhein




Die Costanera am Abend



Auf der Demo für ein gerechteres Bildungssystem


Im Centro

Mit dem Boot rüber zum Chacoi


Tereré darf nie fehlen!





Peace und lange Haare!

Sonntag, 6. September 2015


Die Zeit rast wie in einem Affenzahn an mir vorbei, jetzt bin ich schon einen Monat lang in Südamerika.

In Asuncion aber erst seit 2 Wochen, vorher waren wir mit 60 Freiwilligen auf einem Vorbereitungsseminar in Buenos Aires. Es war zwar spannend ein wenig von Buenos Aires sehen zu können, aber eigentlich wollte ich so schnell wie möglich nach Paraguay.

Am Mittwoch sind wir abends mit einem Reisebus losgedüst. Das Busfahren war ein kleines Highlight, es war super bequem und wunderbar die Natur sehen zu können. An kleinen Dörfern vorbei zu tuckern und endlich mal wieder mehr Grün zu sehen, war eine schöne Abwechslung zu der Großstadt.
Zusammen mit Doro, Nina und Elisa wohne ich in einem Studentenwohnheim in der Nähe des Zentrums. Erstmals teilen Doro und ich uns ein Zimmer und haben uns auch schon ein wenig eingerichtet.
Unsere Vorgänger haben uns eine kleine Kiste hinterlassen mit allem möglichen Zeugs, worüber wir uns erstmal sehr gefreut haben. Das beste war die große Tererékanne!! Wir laufen hier jeden Tag mit der Kanne unter'm Arm und der Guampa in der Hand durch die Gegend. Tereré ist eiskalter Matetee und schmeckt super!

Am zweiten Tag ging es morgens schon los in die Callescuela. Norma, eine Leiterin des Projektes hat uns erst einmal alles gezeigt und erklärt. Wir haben viel gequatscht und ich bin sehr froh über die Geduld der Menschen aus der Callescuela, weil wir oft nachfragen müssen um alles zu verstehen.

Mein Name „Mia“ ist der Brüller bei den Kindern, die Erwachsenen können sich ein schmunzeln meist auch nicht verkneifen. Mia bedeutet meins, ein kleiner Wortwitz kommt immer wenn ich mich vorstelle
.
Samstag haben wir den ganzen Tag an einem Workshop teilgenommen. Die Vertreter aller Projekte waren mit dabei. Also Kinder und Jugendliche aus den Projekten der Communidades, die Schuhputzerjungs vom Busbahnhof und vom Markt. Wir haben uns kritisch mit der gesellschaftlichen und politischen Lage in Paraguay befasst. Schon beeindruckend wie alle Kinder im Thema drin sind, selbst die Kleinsten waren bei den Diskussionen immer mit dabei. Der Workshop ging zwei Tage, die Kinder saßen noch lange in kleinen Gruppen zusammen und haben sich auf den nächsten Tag vorbereitet. Wir haben Banner mit Statements besprüht. Die Callescuela geht regelmäßig auf die Straße und organisiert Demonstrationen.
Nach langem Karten spielen und Tereré trinken, haben wir mit allen ein riesiges Matratzenlager aufgebaut und sind total fertig ins Bett gefallen. Ich bin noch ziemlich erschlagen von den ganzen Eindrücken und dem vielen Spanisch, so dass wir nach der Arbeit nicht mehr so viel auf die Reihe kriegen.

Am Dienstag war ich mit Doro auf dem Mercado de Abasto, ein riesiger Markt auf dem alles verkauft wird. Dort ist ein weiteres Projekt der Callescuela, die Kinder, die dort in der Umgebung wohnen oder arbeiten, können täglich in das Projekt kommen. Morgens und Mittags können sie dort essen. Es spazieren durchgehend neue Kinder in das Projekt, wir haben mit den Kindern und Jugendlichen Guarani und Spanisch gelernt.
Der Mercado war sehr eindrucksvoll, ich habe sogar ein wenig Guarani gelernt! Die Kinder dort sprechen hauptsählich Guarani, was jetzt am Anfang sehr verwirrend ist, aber so langsam erkenne ich die Unterschiede. An dem Markt ist eine Radiostation, in dem Projekt wird einmal die Woche ein kleiner Radiobeitrag vorbereitet von den Kindern. Wir waren auch im Radio und sollten uns vorstellen, was witzig war, weil es sehr spontan war und wir auf einmal vor dem Mikrofon standen.

Mittwoch war ich in der Villa Elisa, eine Communidad mit Kinder- und Jugendbetreuung, Apoya escolar (Nachhilfe) und Müttertreffen. Dort hat es mir sehr gefallen! Mit den Kindern komme ich sofort ins Gespräch. Mein Name ist und bleibt ein Renner.
Das letzte Projekt ist am Busbahnhof mit den lustrabotas, also die Jungs, die am Bahnhof Schuheputzen und so mit Geld verdienen. Dort ist ebenfalls ein Ort für die Jungs zum lernen vor oder nach der Schule. Zwischendurch gehen sie in verschiedenen Schichten zur Arbeit. An dem Tag haben wir schon sehr viel mit den Jungs quatschen können und es war mal etwas anderes mit Gleichaltrigen sich aus zu tauschen in dem Projekt.

Von Tag zu Tag gewöhne ich mich hier immer mehr ein. Mir gefällt es hier sehr, ich bin zufrieden mit unserem Projekt, die Atmosphäre in der Callescuela gefällt mir richtig gut!

Ich bin schon sehr gespannt für welches Projekt wir uns letztendlich am Ende der Woche entscheiden und freue mich schon darauf, wenn wir endlich richtig starten können.

Auch wenn Winter bzw Frühlings ist, sind es hier 35 – 40 Grad, bei 20 Grad waren wir hier schon letztens am frieren. Ich bin mal gespannt auf den Sommer!
Im Studentenwohnheim lernen wir hier jeden Tag neue, nette Menschen kennen, die uns auch ein wenig die Stadt zeigen wollen. Da wir bisher noch so gut wie nichts gesehen haben und viel Zeit in den Projekten verbringen. Wir haben hier auch einen kleinen Papagei morgens herumfliegen, der immer „Hola“ durch das Fenster ruft!
Jedoch fällt mir der Unterschied zu unserem Wohnort und den Orten an denen sich die Projekte befinden, stark auf. Es ist nicht so schön, jeden Morgen und jeden Abend von einem ins andere zu tauchen.

Noch eine kleine Geschichte zum Abschluss:
Gestern haben wir uns zu viert auf den Weg gemacht zu Vincent und Resi, die beiden sind auch Freiwillige und wohnen in Asuncion. Jedoch ein bisschen außerhalb, solange wir die richtige Buslinie nehmen, wird das schon alles klappen. Mit der Einstellung haben wir uns dann in den Bus gesetzt, nach einer halben Stunde Fahrt meine Nina noch: „Schaut mal, hinter uns ist genau der selbe Bus, da hätten wir gar nicht so rennen brauchen!“. Als dieser Bus plötzlich hinter uns abbog, wunderten wir uns immer noch nicht. Nach gut einer Stunde Busfahrt, haben wir mal angefangen Leute im Bus zu fragen, wann wir denn so ungefähr aussteigen müssen. Als sich der ganze Bus eingemischt hatte und lautstark diskutierte wie wir am Besten in Resi's und Vincent's Viertel kommen, fuhr der Bus immer weiter in's Nirgendwo.
Irgendwann sind wir dann auf einer Landstraße ausgestiegen und hatten gar keinen Plan mehr wo wir sind. Wir hätten den anderen Bus nehmen müssen hinter uns, der wäre richtig gefahren... Es war also 10 Uhr abends und wir standen zu viert ein wenig verloren am Straßenrand herum, es fuhren keine Busse mehr, aber irgendwie haben wir es doch noch zu den Beiden gefunden. Ansonsten passe ich natürlich auf mich auf, Mama!

Allerliebste Grüße y un abrazo,
Mia